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Unterwegs - Pilgern auf dem Erkenntnisweg
- Andreas Donder -


Andreas Donder

 

Andreas Donder, geboren 1957 in Hannover. Zeichenleser und Zeichensetzer. Ausgebildeter Industriekaufmann. Umorientierung nach einem Japanaufenthalt. Studiert in Berlin Publizistik und Amerikanistik. Innenorientierung nach einer Indienreise. Beginnt zusätzlich mit intensiven vedischen Studien. Studienabschluss und Beginn einer Laufbahn als Werbetexter in internationalen Agenturen. Seit 1990 freiberuflich tätig als Konzeptionstexter, Seminarleiter und Autor. Lebt in Hamburg.

   www.donder-unterwegs.de 

  mail@AndreasDonder.de 

 


 

Werbetextern unterstellt man ein Leben auf der Überholspur. Weit gefehlt. Andreas Donder geht zu Fuß oder fährt mit dem Rad in Etappen von Flensburg bis nach Weil am Rhein. Allein. Oder mit wechselnder Begleitung.

Dabei entstehen die unterschiedlichsten Erlebniswelten. Im Gespräch, im Kopf, im Vorbeigehen. Amüsante Betrachtungen über die Markenwelt wechseln ab mit der Schilderung meditativer Erfahrungen und Beobachtungen auf der Straße, im Wald oder abgelegenen Gasthöfen.

Unterwegs wird ganz nebenbei die ein oder andere wertvolle Erkenntnis gewonnen, die sich wunderbar auf den Alltag übertragen läßt. Los geht’s!

 


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Unterwegs - Pilgern auf dem Erkenntnisweg


IN DER FREMDE MIT SICH SELBST

Ein Pilger ist vom Wortsinn her ein Fremder. Er geht durch unbekanntes Gebiet. In der religiösen Literatur wird das ganze Leben als Pilgerschaft angesehen. Was vor uns liegt ist zwar berechenbar, aber in letzter Konsequenz unbekannt und somit fremd.

 

Unterwegs - Pilgern auf dem Erkenntnisweg

Ist denn aus der Retrospektive betrachtet das was hinter uns liegt bekannter? Ändert sich die Vergangenheit nicht während man auf seinem Lebensweg voranschreitet? Irgendwie ja. Denn Erinnerung ist immer lückenhaft. Und so entsteht im Rückblick oft eine neue Vergangenheit. Die je nach Stimmung rosig oder grau erscheint.

Was ist also verläßlich bekannt? Die Vergangenheit nicht. Die Zukunft auch nicht. Nicht mal der Gehende ist sich selbst bekannt. Er kann mit sich selbst bekannt werden. Damit endet seine Pilgerschaft. Er ist kein Pilger, kein Fremder mehr. Sondern ist ein Bekannter.

AUF DEM KREUZWEG


Es gibt Spaziergänger, Wanderer und Pilger, die dem Kreuzweg folgen. Ein Pilgerweg ist ein Kreuzweg, weil sich dort beständig zwei Wege kreuzen: der exoterische und der esoterische. Der eine führt über die Erde, der andere durch den Himmel, durch das Nicht-Materielle des Geistigen. Pilgern ist eine Kunstfertigkeit, die das Materielle mit dem Geistigen verbindet. Den Himmel mit der Erde vernetzt.

ALLER ANFANG IST HEITER!


Diesem Proverb glauben wir offensichtlich nicht, als wir am späten Nachmittag in Hameln dem Zug entsteigen und es prompt zu regnen beginnt. "Die Eskimos haben 60 Ausdrücke für Schnee. Wieviel haben wir für Regen?" bemerkt Susanne und gibt damit den Startschuß für das erste Gesprächs-Thema.

Ein Thema ist eine Gewichts-Einheit des esoterischen Weges. Es verleiht Himmelshaftung. Im Gegensatz zur Bodenhaftung, die allein durch die Wirkung der Elemente hergestellt werden kann. In diesem Fall: Nässe. Wir fabulieren über Sackregen, Schnurregen, pissigen Dauerregen, steilen Frontregen und nässenden Druckregen.

Und empfinden den Regen als segnende Prüfung für den Beginn der vor uns liegenden Etappe.

KREUZ UND QUER IM REGENWALD


Das Andreas-Kreuz, die Markierung des Europafernwanderweges 1 nach Genua, dem wir folgen, weist uns den Weg. Leider nicht immer. Wir verlieren schon nach einer Stunde die Orientierung. Es regnet immer noch. Kugelregen. Schweineregen. Cats and Dogs. Autos fahren langsam an uns vorbei zu einem Waldrestaurant, das wir gerade passieren. "Da sitzen sie in ihren Autos. Vorher haben sie in ihren weichen Sofas gesessen und nun wollen sie vor einem Mahl sitzen, um dann wieder im Auto zu sitzen und so weiter," sage ich. "Weißt Du dass bei den Zigeunern das Wort für Seßhafte identisch ist mit dem Wort Fleisch - Sitzfleisch vermutlich?"

Als wir im nächsten Dorf zum ersten Mal den Ernst unserer Lage auf einer Karte erkennen, ist es spät und noch immer 8 Kilometer bis zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit. Es kommen Gedanken wie: "Laß' uns trampen."

Doch davon steht leider nichts in den selbstgesteckten Pilgerstatuten. Ich erinnere mich an ein Ehepaar, das auf dem ehrwürdigen Pilger-Weg von Lausanne nach Santiago wegen einer Unpässtlichkeit drei Kilometer mit dem Taxi gefahren ist und nun eine schmerzende Lücke zu verkraften hat.

WÜNSCHE SIND PILGER IN
DER GEISTIGEN WELT


Alles Werden hat ein Sein im Hier und Jetzt. Im englischen be-come wird dies sofort ersichtlich. Deshalb besteht jeder Wunsch, der in uns auftaucht, schon irgendwo als Seinszustand.

Anders ausgedrückt: Jeder Wunsch ist real in dem Sinne, dass seine Erfüllung bereits existiert. Jeder Wunsch ist das geistige Gegenbild seiner eigenen schon bestehenden Erfüllung.

Verständlich, dass wir uns in dieser feuchten Großwetterlage eine warme Unterkunft wünschen. Kaminfeuer und nette Wirtsleute. Der Wunsch geht in Erfüllung. Sofort. Im Moment der Aufgabe, wenn man zwischen Aufgabe und Hingabe schwankt.

Unsere Wirtsleute trocknen unsere Sachen, machen Tee und Glühwein, leihen uns trockne Socken und offenbaren uns am nächsten Morgen am gemeinsamen Frühstückstisch ihr Leben. Wir werden herzlich verabschiedet. Mit einem photografischen Abbild unserer Existenz für ihr Gästebuch.

DER SOHN DES WANDERERS

Sollte ich auch etwas über die wunderbare Landschaft schreiben, die kleinen in Mulden versteckten idyllischen Orte, die wir durchqueren, die Schönheit der Natur? Das ist nicht mein Thema. Ich beschreibe lieber Wirkungen, Ideen, Ereignisse und ihre Reflektionen.

Die Natur bewirkt eine magnetische Umpolung des Denkens. Schon binnen kurzer Zeit fließen die Gedanken in ruhigeren, einfacheren Kanälen. Wie angenehm.

Später am Tag, am Beginn der wirklich schönsten Etappe, treffen wir Bernd. Er sitzt auf einer Bank und studiert seine Karte. Eine Armeekarte. Und wie sich später im Gespräch herausstellt, die Karte seines Vaters, eines Offiziers, der 1979 den Weg von Flensburg zum Bodensee gegangen und auf der Alpen-Etappe abgestürzt ist. Sein Leichnam wurde erst vier Tage später geborgen. Steif gefroren.

Bernd folgt den Karten, die mit Kommentaren seines Vaters versehen sind und zugleich Markierungen von Truppen-Manövern aufweisen, die diese Gegend in den siebziger Jahren durchfurcht haben müssen.

17 Mal war er umgezogen. "Alle fünf Jahre muß man einen neuen Standort finden", war die Meinung seines Vaters.

Ruhelosigkeit hat Methode. Jains bleiben nicht länger als 24 Stunden an einem Ort. Derwische auch nicht. Nomaden auch nicht. Warum ist die übrige Menschheit bloß so sesshaft?

Für kurze Zeit sind wir ein Dreier-Team. Bernds Bundeswehrkarte bewährt sich. Insgesamt ist die Weg-Markierung auch wieder besser, eindeutiger. Wir gehen nicht verloren. Wir kommen voran. Unser Tagesschnitt beträgt etwa 28 km.

DA HABEN WIR DEN SALAT

Wünschen ist das Herbeifabulieren von Wirklichkeit. Damit experimentieren wir an diesem Tag weiter. Wir wünschen uns bei den himmlischen Köchen einen Super-Salat. "Aber das Restaurant soll zusätzlich auch auf Salatsoucen spezialisiert sein," ergänze ich.

In Linderhofe treffen wir dann auf ein Pärchen, das mit ihrem Hund von Bremen zum Bodensee wandert. Sie schlafen in Bushaltestellen. Wegen der Rückenbeschwerden kann die Frau keinen Rucksack tragen und zieht deshalb eine Einhand-Einkaufskarre hinter sich her. Bei der ungemütlichen Witterung und den Wegen kein angenehmes Unterfangen.

Wir kehren in Linderhofe ein. Und erleben das zuvor bestellte "Salatwunder". In diesem Restaurant gibt es den besten Salat der ganzen Pilgerschaft. Drei Salat-Soßen inclusive, mit Nachbestell-Option. Ein gutes Beispiel für die Kraft des Wünschens.

GEHÄUTETES WASSER

Michael Holzhammer, der Hamburger Journalist, der "Deutschland umsonst" geschrieben hat, "wandert" durch meine Erinnerung.

Mir geht die Stimmung seines Buches durch den Kopf, wenn ich die offensichtliche Idylle der Ortschaften, die wir durchqueren abgleiche mit den Realitäten. Was spielt sich hinter den schönen Fassaden hinter den romantischen Kulissen wirklich ab?

Holzhammer ertrinkt später in der Emscher, als er seinen Hund retten will. Die dort ansässige Industrie leitet ihre Abwässer in diesen kleinen Fluß. Dadurch löst sich die Oberflächenspannung des Wassers auf. Selbst ein guter Schwimmer hat in Gewässern ohne Oberflächenspannung keine Chance. Das Wasser trägt ihn nicht.

ZUVIEL WEICHMACHER

Wie häufig saufe ich in meinem Alltag ab, weil die Spannung fehlt? Zuviel Weichmacher in den Gedanken? Hier auf dem Pfad ist jeder Alltag ein Neutag. Wir fühlen uns beide so als wären wir schon seit einigen Tagen unterwegs. Dabei ist es erst der zweite. Das Zeitempfinden hat sich verändert. Das Neue sorgt für Spannkraft. Und die Zielsetzung muß nie überdacht werden. Sie ist klar. Mit jedem Schritt bleibt der Weg das Ziel.

Für diesen zweiten Abend wünsche ich mir eine Badewanne und eine Sauna. Das wird in der abgelegenen Idylle des Teutoburger Waldes eher selten anzutreffen sein. Umso wunderbarer als wir in Hillentrup Quartier beziehen und tatsächlich eine Sauna mit riesiger Badewanne, sprich Swimming-Pool vorfinden. Wunder geschehen beim Pilgern etwas schneller.

LÖCHER IN DER ZEIT

Es ist 6 Uhr. Es ist der dritte Tag und wir gehen von Hillentrup weiter in Richtung Lemgo. Durch die Lemgoer Mark über den Windelstein. 347 Meter über Normal Null. Als wir um 8 Uhr Lemgo erreichen, wollen wir frühstücken. An einem Sonntagmorgen ist das hier in der tiefen Provinz fast unmöglich.

Eine von der letzten Nacht noch erschöpfte Gaststätte hat schon geöffnet. Die Wirtin ist nett, doch das Umfeld empfinde ich als bedrückend.

Erste Gäste trinken sprachlos ihr Morgen-Bier mit Köm. Alte Männer im Sonntagsstaat. Über dem Kamin hängt die Losung des Ortes: "Es ist besser in der Kneipe zu sitzen und an die Kirche zu denken, als in der Kirche zu sitzen und an die Kneipe zu denken." Schnell weiter. Aber langsam.

VOM SEGEN DER LANGSAMKEIT


Auf dem Rathausvorplatz von Lemgo machen 500 Radfahrer ihre Morgengymnastik. Sie fahren in 10 Tagen bis nach Köln. Eine Aktion des WDR. Geschlafen wird in Turnhallen. Geht das gut? Ich meine, dass zu viele Leute die Poesie des Weges verderben.

Einen Weg muß man unter seinen Fußsohlen spüren, ihn zum Singen bewegen. Wer den Gesang empfängt, läuft sich dabei selbst ins Dasein. Er empfängt sich selbst durch Hören.

Der westliche Archetyp des Selbst ist Jesus, der einer aramäischen Legende zufolge von Maria durchs Ohr empfangen wurde. Hören ist empfangen und dies geschieht langsam.

Langsamkeit zieht nicht etwa den Weg in die Länge, sondern zieht die Verbindungslinie zwischen exoterischer und esoterischer Welt straff. Es ist als wenn man durch Beschaulichkeit diese Verbindung aufspannt. Durch Schnelligkeit geht sie verloren. Über diesen Zusammenhang könnte Susanne wahrscheinlich aus sehr praktischer Sicht referieren. Denn als Feldenkraistherapeutin inszeniert sie langsame Bewegungen.

HEIMWEH IST FERNWEH

Weiter geht es nach Detmold, das wir schon um 14.30 Uhr erreichen. Endlich scheint die Sonne. Wir gönnen uns eine ausgiebige Pause im Straßenlokal Stuck. Und nach einiger Zeit trudelt auch Bernd ein. Ich glaube, er fühlt sich allein etwas einsam. Als er nicht auf Anhieb einen Schlafplatz findet, will er nach Hause fahren, um dort zu übernachten. Sein Bett ist ja nur eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt. Ich fürchte, die magnetische Kraft des Weges hat ihn noch nicht ergriffen. Ob er der kuscheligen Bequemlichkeit der Heimat widerstehen kann?

Wir beschließen diese Etappe mit einem riesigen Salat und einem großzügigen Bananen-Split und fahren um 17 Uhr zurück zum Ausgangspunkt Hamburg. Seit meinem Start von Hamburg sind 350 km "vergangen" und ca. 12 Tage. Die Bahn braucht für diese Strecke nur 3:30 Stunden. Die gleiche Entfernung ist in verschiedenen Zeitqualitäten möglich.


 

 


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